Der Weltraum, unendliche Weiten… zum zweiten Mal bietet sich
dem geneigten Leser die Möglichkeit, einen Blick auf die Ereignisse rund um die
Raumstation Vanguard zu werfen. Hier wird ein erfrischend anderer Blick auf das
„Star Trek“-Universum geboten, das Altbekanntes in ein neues Licht rückt und
ganz nebenbei auch noch eine intrigenreiche und actiongeladene Geschichte
erzählt.
Neue Autoren, gewohnte Qualität
Die Reihe rund um die Raumstation 47, genannt Vanguard, und
die Taurus Region wird mit „Rufe den Donner“ fortgesetzt. David Mack hat den
Stab an Dayton Ward und Kevin Dilmore weitergereicht, und was die beiden aus
Kansas stammenden Autoren dem Leser servieren, kann sich in jedem Fall mit dem
ersten Band messen.
Nachdem die Kirk und Spock am Ende von „Der Vorbote“ mit der
Enterprise der Station den Rücken gekehrt haben, um die legendären Abenteuer
der ersten Staffel der „Classic“-Serie zu bestehen, sind Comodore Reyes und
seine Besatzung bei den Herausforderungen, welche die Taurus Region bereit
hält, auf sich alleine gestellt.
Zeitlich ungefähr einen Monat nach den Ereignissen des
ersten Bandes angesiedelt, eskalieren die Spannungen zwischen den Tholianern
und den Klingonen immer mehr. Die Klingonen haben einige Welten in der Region
annektiert und einige weniger entwickelte Völker unterworfen. Die Tholianer
waren ebenfalls fleißig und haben ihre Präsenz verstärkt, aber ihre Motive sind
sowohl der Föderation als auch den Klingonen unklar.
Die Angriffe einer unbekannten Macht auf die Schiffe der
Tholianer vereinfachen die Situation natürlich nicht. Die verworrene Situation
im Makrokosmos der Taurus Region setzt sich im Mikrokosmos der einzelnen
Akteure fort, denn auch dort geht es ziemlich chaotisch zu.
No rest for
the weary…
Das von David Mack in Szene gesetzte, mehrfach ineinander
verflochtene Netzwerk von Beziehungen und Handlungssträngen wird von Dayton
Ward und Kevin Dilmore weitergesponnen. Nur wenige neue Personen kommen hinzu,
und die Handlung lässt alle Erzählstränge offen, um sSie dann im Dritten Band
„Ernte den Sturm“ abschließen zu können.
Commodore Reyes, der Kommandant der Raumstation 47, bekommt,
wie auch schon im ersten Band, wieder eine Menge Kopfschmerzen. Während er
versucht, die Fassade des Kolonisationsversuchs der Föderation im Taurus Sektor
aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Bemühungen um weitere Nachforschungen
nach dem Ursprung des Metagenoms zu verschleiern, dessen Entdeckung der wahre Grund
für das Engagement der Föderation ist, bekommt er immer häufiger
Gewissensbisse.
Zudem steckt seine Liaison mit Rana Desai, der JAG Anwältin,
die seinen autoritären Führungsstil immer wieder angreift, mittlerweile in
einer ernsthaften Krise. Der kurz vor seiner Pensionierung stehende
Stationsarzt Ezekiel Fisher schlüpft deshalb in die Rolle des Paartherapeuten
und versucht zwischen den beiden zu vermitteln, aber auch er verstrickt sich im
Laufe der Handlung in die Geheimnisse der Taurus Region.
Der Föderationsbotschafter Jetanien, ein Rigelianischer
Chelone, versucht mit allen ihm möglichen Mitteln, zwischen den Klingonen und
den Tholianern zu vermitteln, und geht dabei auch sehr große persönliche
Risiken ein. Botschafter Jetaniens persönliche Assistentin Anna Sandesjo, die
in Wahrheit als Spionin für eine feindliche Macht tätig ist, sieht sich
mittlerweile auf einen Interessenkonflikt zwischen ihrer Loyalität zu ihrem
Auftraggeber und der leidenschaftlichen Affäre mit der Vulkanierin T’Prynn zusteuern.
Die Geheimdienstoffizierin T’Prynn jongliert derweil mit
gefährlichen Geheimnissen und spinnt anscheinend an einem Tag mehr Intrigen als
ein romulanischer Senator in einem Monat. Ihre psychologischen Probleme mit dem
Geist ihres Verlobten, der in ihrem Unterbewusstsein haust, geraten jedoch
zunehmend außer Kontrolle.
In einem ähnlich unkontrollierten Zustand befindet sich das
Leben des Reporters Tim Pennington. Eine von T’Prynn eingefädelte Intrige
ruinierte seinen Ruf und vor allem seine Glaubwürdigkeit, was ihn letztendlich
seine Stelle als Korrespondent des Federation News Service gekostet hat. Die
meiste Zeit hängt er nun mit seinem neuen Freund, dem Freihändler und
Schmuggler Cervantes Quinn zusammen, und versucht wieder auf die Füße zu kommen.
Quinns derzeitige Situation ist allerdings genauso wenig
beneidenswert. Sowohl der orionische Unterweltboss Ganz, als auch T’Prynn
spannen ihn gleichzeitig für ihre Zwecke ein, und so muss Quinn als unwilliger
Diener zweier Herren einen Drahtseilakt vollführen, denn ein Versagen, egal bei
welchem der Aufträge, könnte ihn das Leben kosten. Seinen neuen Freund Tim
Pennington zieht er gleich mit in die verfahrene Situation rein, der nicht
weis, das sein Ausflug in die Taurusregion ihn in Kontakt mit Klingonischen
Spionagesonden und einem weinerlichen Zakdorn bringen wird.
Der Xenoarcheologe Lt. Ming Xiong ist wie kein anderer den
Geheimnissen der Taurus auf der Spur. Dabei tut er sich mit der
Geheimhaltungspflicht, die ihm auferlegt wurde besonders schwer und immer
wieder lässt er wider besseres Wissen Informationen durchsickern, die seine
Gesprächspartner nicht wissen dürfen.
Eben solche Gesprächspartner sind Captain Zhao und seine
erste Offizierin Commander Atish Khatami von der USS Endeavour. Besonders
Captain Zhao missfallen die unklare Situation und vor allem der Mangel an
Informationen, mit dem man ihm im Dunklen tappen lässt, während er über einer
Eiswüste Babysitter für eine Forschungsstation spielen muss.
Und während die beteiligten Mächte sich über die Geheimnisse
der Taurus Region streiten, entwickeln diese ein unheimliches „Eigenleben“, das
Commodore Reyes noch mehr schlaflose Nächte bereiten wird.
Die Spannungen zwischen den Personen machen sich vor allem
durch Dialoge mit zynisch-sarkastischem Unterton bemerkbar. Besonders
Pennington und Quinn spielen sich ständig solche Wortwechsel zu. Alles in allem
wirkt der zweite Band von der Stimmung her unheimlicher und bedrohlicher als
der Vorgänger.
Mir aufgefallen ist das Fehlen namhafter Persönlichkeiten
aus dem offiziellen Kanon. Kamen in „Der Vorbote“ neben Kirk und Co. auch noch
andere Persönlichkeiten wie der spätere Kanzler Gorkon („Star Trek VI – Das
unentdeckte Land“) vor, so fehlen diese hier. Dadurch wirkt die Handlung ein
wenig vom großen „Star Trek“-Universum abgekoppelt.
Das Lektorat und die Übersetzung lassen – als großer
Wehrmutstropfen – im Vergleich zu dem Vorgänger sehr zu wünschen übrig. Ein
Fauxpas jagt den nächsten, Rechtschreibfehler, falscher Satzbau und vertauschte
Namen, um nur die auffälligsten zu nennen – hier wäre mehr Sorgfalt angebracht.
Ein kleiner Bonus von einem großen Fan
Gab es im ersten Band eine farbige, ausklappbare Übersicht
der Raumstation, die einzelne Komponenten erläutert und einen sehr guten Überblick
bot, fehlt hier dergleichen. Ich persönlich hatte auf eine kleine
Übersichtskarte der Taurusregion gehofft, obwohl diese bestimmt nicht nötig
ist.
Im Anhang des Buches äußert Christian Humberg, den
Ringbotenlesern bekannt durch seine Rezensionen und seine Berichte von der
FedCon, seine Gedanken zum „Star Trek“-Franchise, von seinen Anfängen bis hin
zu den Ereignissen im zehnten Kinofilm, dem offiziellen Kanon und den
Romanreihen.
Christian ist einer der größten Fans von „Star Trek“, den
ich je kennen gelernt habe. Immer wieder stellte er mit einer Fülle von Details
und sein Hintergrundwissen zu „Star Trek“ unter Beweis, dass der gesamte
Franchise eines seiner größten Steckenpferde ist.
Im Anschluss befinden sich Beschreibungen der Völker, die in
der Taurusregion eine Rolle spielen, diese stammen allem Anschein nach auch aus
Christians Feder. Ob Tholianer, Klingonen, Orioner oder Shedai, hier findet man
eine Beschreibung für alle maßgeblichen Rassen, die auch über den Tellerrand
des in der Triologie beschriebenen Zeitrahmens hinausgeht. Die Kartei der
Hauptpersonen, die man am Ende von Band 1 finden konnte fehlt hier, was aber
nicht weiter tragisch ist, da alles Hintergrundwissen aus „Der Vorbote“ noch
einmal aus dem Kontext herauszulesen ist. Trotzdem empfehle ich zuerst Band 1
zu lesen, schon alleine deshalb, weil der Band ein wenig in der Luft hängt. Auf
den Abschluss in Band drei „Ernte den Sturm“ kann man aber schon jetzt gespannt
sein.
Fazit: „Rufe den Donner“ ist eine gelungene Fortsetzung der
Saga rund um die Raumstation Vanguard. Unterhaltsam geschrieben, mit komplexen
Personen und einer guten Dosis Action bietet der Band einen neuen Blickwinkel
auf das „Star Trek“-Universum. Statt Kirks Prügelei mit dem Alien der Woche,
werden Intrigen und Politik geboten. Vertraute Elemente wie die Klingonen, die
Föderation und die Tholianer, werden in einem erfrischend „anderen“ Licht
dargestellt, als man es vom Bildschirm her kennt. Bevor man sich jedoch hier
rein liest, sollte man den ersten Band der Reihe lesen.
Star Trek – Vanguard: Rufe den Donner
Film/Serien-Roman
Dayton
Ward, Kevin Dilmore
Cross Cult
2008
ISBN: 978-3-936480-92-4
388 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 12,80
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