Die Bedrohung durch die Borg, deren Geschehnisse der Leser
in der fulminanten „Destiny“-Trilogie verfolgen konnte, wurde unter enormen
Opfern abgewendet. Ein Bild, wie die Vereinte Föderation der Planeten und das
Klingonische Reich nach dem Vernichtungsfeldzug der Borg aussieht, wird hier
exemplarisch aufgezeigt. Aber während man noch dabei ist sich die Wunden zu
lecken, droht bereits neuer Ärger.
Jedes Ende ist auch ein neuer Anfang. Die „Destiny“-Trilogie
brachte das Ende der Borg-Bedrohung mit sich. Aber der Preis, den die
Föderation und die Klingonen dafür bezahlt haben, war immens hoch. Die
Zerstörungswut der Borg hat viele Welten vernichtet und Milliarden das Leben
gekostet. Die Überlebenden stehen vor einem Scherbenhaufen. Zum ersten Mal in
ihrer Geschichte geht es einem Großteil der Bevölkerung richtig schlecht.
Milliarden sind auf der Flucht und auf der Suche nach einer neuen Heimat. Die
Wirtschaft der Föderation ist extrem angeschlagen und die Versorgung der
Flüchtlinge entwickelt sich zu einem enormen Kraftakt. Nur die Tatsache, dass
die alten Feinde der Föderation – wie zum Beispiel die Cardassianer oder die
Romulaner – ähnlich zerschunden sind, bewahrt die Föderation vor einem Krieg.
Sonek Pran, ein Geschichtsprofessor, der das Erbgut von vier
verschiedenen Rassen in sich vereint, wird auf eine Friedensmission in das
zerfallende Romulanische Imperium gesandt, um dort zwischen den konkurrierenden
Fraktionen zu vermitteln. Immer wieder stößt er auf seiner Reise mit dem
Raumschiff Aventine, die von niemand Geringerem als Ezri Dax kommandiert wird,
auf Ungereimtheiten. Diese deuten alle darauf hin, dass jemand den Wiederaufbau
in der Föderation diplomatisch und mit Sabotageakten hintertreibt. Die
Einzelschicksale ergeben dann auch für den Leser ein beunruhigendes Bild,
welches die Romane zumindest in der nahen Zukunft beschäftigen wird. Die
Klingonen dagegen müssen feststellen, dass eine Rasse, die sie in der
Vergangenheit schon häufiger besiegt haben, sich erneut gegen das angeschlagene
Klingonische Reich erhebt. Und diesmal haben die Feinde mächtige Verbündete auf
ihrer Seite. Es gibt auch tatsächlich ein paar kurze Raumschlachten. Aber diese
finden nur auf Nebenschauplätzen statt.
Ähnlich wie schon in die „Gesetze der Föderation“ wird hier
mit einer Menge von Handlungen und Persönlichkeiten jongliert. Einige, wie etwa
die Präsidentin Nanietta Bacco und einen Teil ihres Stabes oder die Crew der
U.S.S. Aventine, durfte man bereits kennen lernen. Andere wiederum werden kurz
vorgestellt, um dem Leser einen kleinen Ausschnitt zu präsentieren, und
verschwinden dann wieder auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung. Dafür, dass
man ein paar besondere Schlaglichter erhält, betreibt der Autor eine Menge
Aufwand. Auf diese Weise kann man zu den wenigsten Personen eine Bindung
entwickeln, und so muss man sich zwangsläufig an Sonek Pran halten, der den
größten Fokus bekommt.
Der gute Professor ist auch ein echter Sympathieträger, der
nur wenige Makel aufweisen kann. Er ist ein ausgezeichneter Diplomat mit einem
unglaublichen Gespür für die richtigen Worte. Er schätzt sein jeweiliges
Gegenüber fast immer richtig ein, nur mit seinem eigenen Sohn klappt es nicht
so recht. Und da ist schon wieder ein Punkt, der mir bereits in „Die Gesetze
der Föderation“ negativ aufgefallen ist: Dort war der Fokus die Präsidentin
Nanietta Bacco, die perfekte Übermutter der Föderation, und hier kommt nun der ultimative
Diplomat daher, der fast im Alleingang eine Verschwörung gigantischen Ausmaßes
aufdeckt. Das ist für meinen Geschmack etwas zu viel des Guten. Schließlich
sollte es noch andere kluge Köpfe geben, die eins und eins zusammenzählen
können. Ein Großteil der Motivation liegt ja auch vor allem darin, dass der
Leser zusammen mit Sonek Pran hinter das Geheimnis der rätselhaften
Sabotageakte und Überfälle kommt. Dadurch allein konnte ich mich über die etwas
schleppend anlaufende Handlung, die durch die vielen Nebenschauplätze keinen
eng geflochtenen Spannungsbogen aufbauen kann, zum Weiterlesen motivieren.
Wie auch schon bei „Gesetze der Föderation“ wird die
Handlung durch den Einsatz von eingestreuten Zeitungsberichten, Briefen,
politischen Talkshows oder auch einer Liste mit Todesopfern zusätzlich
aufgepeppt. (Eben diese Liste hat mich schon schwer gewundert, ausgerechnet
diese Personen auf der Liste zu lesen, fand ich schon krass). DeCandido hat
aber, das muss ich ihm zugestehen, das Konzept, das er in „Die Gesetze der
Föderation“ zum ersten Mal eingesetzt hat, konsequent weiterentwickelt. Diesmal
hat die Geschichte auch einen echten Fokus.
Ein Essay mit dem Titel „Das Spiel mit den Glaskugeln – Eine
kleine Geschichte der intergalaktischen Beziehungen“, wieder einmal aus der
Feder von Julian Wangler, findet sich im Anhang. Auch diesmal lohnt es sich
wieder, über den galaktischen Tellerrand zu schauen
Fazit: „Einzelschicksale“ weist erheblich mehr Action auf,
als die „Gesetze der Föderation“, und mit Ezri Dax und der U.S.S. Aventine
bekommt der Leser auch ein wenig klassisches „Star Trek“ geboten, während er
dem Geschichtsprofessor und Teilzeit Diplomaten Sonek Pran über die Schultern
gucken darf. Die Handlung schreitet nur gemächlich voran, und das Finale
besticht nicht durch Action und Raumschlachten. „Einzelschicksale“ ist vor
allem eine Charaktergeschichte, die das große Ganze zeigt und wichtige Grundlagen
schafft. Für die Fans ein absolutes Muss. Der Aufbau ist vielleicht nicht
jedermann Geschmack. Mir hat es aber sehr gut gefallen.
Star Trek: Einzelschicksale
Film/Serien-Roman
Keith R. A.
DeCandido
Cross Cult
2010
ISBN: 978-3-941248-93-9
401 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 12,80
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