Der Weltraum, unendliche Weiten: Dies sind die Abenteuer des
Raumschiffs Enterprise, das unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken,
unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Von dieser Prämisse kann sich
der Leser in die Gesetze der Föderation verabschieden. Der Roman dringt in
Bereiche vor, von denen ich dachte, man würde niemals etwas Genaues darüber
erfahren. Hier kommt „Star Trek“ in einer anderen völlig anderen Dimension.
Der Leser wird von Keith R. A. DeCandido auf eine
Entdeckungsreise geschickt, diesmal ohne Raumschiff, ohne Mysterien, die die
Sternenflotte direkt aufdecken muss, aber vor allem ohne die gewohnten
Hauptakteure. Kein Captain Picard, kein Will Riker – und auch andere bekannte
Gesichter der Sternenflotte erscheinen im Laufe der Handlung allenfalls nur mit
einem kurzen Schlaglicht.
Die Handlung, wenn man von dieser als solche überhaupt reden
kann, dreht sich fast ausschließlich um Politik, genauer gesagt die Politik der
Vereinten Föderation der Planeten. Der Roman verfolgt das erste Jahr der Präsidentschaft
von Nanietta Bacco von Cestus III, anscheinend dem einzigen Ort in der Galaxis,
an dem noch Baseball gespielt wird. Der Romanhandlung läuft im Hintergrund zu
den Abenteuern der U.S.S. Titan und der „Second Decade“.
Dass auch in der vielseitigen und multikulturellen Regierung
der Föderation nicht alles nach Wunsch verläuft, dürfte klar sein. Und so wird
der Leser Zeuge von Besprechungen, öffentlichen Debatten und Ränkespielen
zwischen einer Vielzahl von Personen. Da bisher über die innerhalb des etablierten
Franchises immer nur nebulös beschriebene Regierung der Föderation nur sehr
wenig zu lesen und zu sehen war, betritt DeCandido absolutes Neuland. Aus
diesem Grund muss er auch eine Menge neuer Personen einführen, die nötig sind,
um den Apparat am Laufen zu halten. Dummerweise wird das alles inflationär
betrieben, und ich hatte meine Liebe Mühe, damit nicht durcheinanderzukommen.
Die Präsidentin und ihr persönlicher Stab sind noch halbwegs
gut ausgearbeitet, der Rest der Akteure verkommt teilweise zu einer Ansammlung
kaum aussprechbarer Namen, die oftmals bestenfalls stereotype Züge annehmen. Zu
viele davon kann man dann gleich wieder vergessen, weil sie im Verlauf der
Handlung nicht mehr auftauchen, da keine übergeordnete Handlung vorhanden ist,
sondern ausschnittsweise das Krisenmanagement und die reguläre Regierungsarbeit
von Präsidentin Bacco im Verlauf eines Jahres verfolgt wird. Dabei geht es um
einen unglücklich verlaufenen Erstkontakt oder erneute Konflikte zwischen
Klingonen, Romulanern und Remanern oder aber interne Streitigkeiten um die
Besetzung wichtiger Posten in der Regierung. In letzterem Fall wird geschachert
was das Zeug hält. Zu guter Letzt bekommt die Präsidentin auch die Folgen der
dunklen Machenschaften ihres Vorgängers Min Zife zu spüren. Von den Dingen, die
außerhalb des Regierungsumfelds geschehen, erhält man dabei selten einen
direkten Eindruck. Vielmehr werden die Ereignisse für den Leser dergestalt
präsentiert, dass diese der Präsidentin dargelegt oder in Berichten zusammengefasst
werden oder ausgiebig von den Akteuren darüber debattiert wird.
Bekannte Personen aus dem Franchise sind relativ rar gesät
und beschränken sich fast völlig auf kurze Cameo-Auftritte. Janeway, Spock und
Admiral Ross bekommen unter anderem einen kurzen Moment im Rampenlicht, das war
es in Großen und Ganzen dann auch.
Was dem Roman in meinen Augen fehlt, ist ein echter
Höhepunkt. Das ist weitestgehend dadurch bedingt, dass quasi ein Zeitraum unter
die Lupe genommen wird und gleichzeitig verschiedene kleine Handlungsstränge
auf den Weg gebracht und teilweise kurz darauf schon gelöst werden. Das ergab
bei mir den Effekt, dass ich bei den kleinen Dingen zum Weiterlesen animiert
wurde. Aber einen Spannungsbogen als solchen, der sich durch die ganze Länge
des Romans zieht, konnte ich nicht ausmachen.
Bei der Charakterzeichnung der wichtigsten Akteurin – so gut
der Charakter von Nanietta Bacco auch ausgearbeitet ist – stört mich etwas
ungemein: Sie ist einfach zu perfekt dargestellt, denn sie trifft nur
wohlüberlegte Entscheidungen mit einem messerscharfen politischen Kalkül.
Moralisch und rhetorisch stellt sie alle anderen Politikern in den Schatten.
Kurz: Sie wird hier einfach zur perfekten Übermutter der gesamten Föderation
stilisiert. In meinen Augen wirkt sie dadurch unrealistisch im Sinne von „zu
gut um wahr zu sein“. Klar hat Nan Bacco auch ein paar liebenswerte Schwächen –
wie zum Beispiel ihr Faible für Baseball. Aber das fällt zurück hinter den
unübersehbaren persönlichen Stärken, die der Autor der Person der Präsidentin
gegeben hat. Es werden eine Menge Intrigen gesponnen, aber bei all den
politischen Schlammschlachten schafft es die Präsidentin moralisch integer zu
bleiben.
Daneben gibt es naturgemäß noch eine über das ganze Buch
verteilte Lehrstunde über den politischen Aufbau der Föderation im 24.
Jahrhundert. Auch zum Thema Journalismus im 24. Jahrhundert bekommt der Leser
einige Einblicke. Der Roman nimmt massiv Bezug auf die Ereignisse, die in den
„A time to…“-Romanen stattfinden, die bisher nicht ins Deutsche übersetzt
wurden, außerdem auf einige Ereignisse des DS9-Relaunches und den ersten Band
der „Titan“-Reihe um William Rikers neues Kommando. Es ist zwar für das
Verständnis des Romans nicht zwingend notwendig, trotzdem hatte ich das
unbestimmte Gefühl, dass mir wichtige Details fehlen. Der lockere Schreibstil,
den DeCandido an den Tag legt, trägt viel dazu bei, dass der Roman nicht
langweilig wird.
Der Verlag bezeichnet den Roman als den perfekten Auftakt
für die Trilogie „Star Trek – Destiny“. Dem kann ich persönlich nicht
zustimmen. Die besagte Trilogie befasst sich mit der größten Bedrohung durch
die Borg, die es bisher im „Star Trek“-Universum gab. Hier aber finden die Borg
keine Erwähnung, auch nicht die bedrohlichen Ereignisse, die sich im Rahmen der
Handlung des Romans „Heldentod“ im unmittelbaren Umfeld der Erde am Ende des
vom vorliegenden Roman abgedeckten Zeitraums abspielen – was natürlich nicht
möglich ist, da der hier präsentierte Roman bereits 2005 auf Englisch erschien.
Damit wurde er zwei Jahre vor der englischsprachigen Ausgabe von „Heldentod“
veröffentlicht, die 2007 stattfand.
Genau das hat mich allerdings erheblich gestört. In der
Chronologie des „Star Trek TNG“-Relaunches wäre es ein Leichtes gewesen, die
Ereignisse des Relaunches in die Zeit nach der Romanhandlung von „Die Gesetze
der Föderation“ zu verlagern. Dies ist aber leider nicht passiert, was dazu
führt, dass sich deutsche Leser, die jetzt in den Genuss kommen, die zeitnah
erschienenen Übersetzungen der Romane von Cross Cult lesen zu können, über
diese Diskrepanzen in der Zeitlinie wundern. Da aber die Handlung mit der
Geschichte der „Destiny“-Reihe nichts zu tun hat und auch nicht Bezug darauf
nimmt, ist der Roman kaum als der „perfekte Auftakt“ zu bezeichnen. Der Roman
„Mehr als die Summe“, dessen Handlung sich unmittelbar vor dem Beginn der
„Destiny“-Bücher abspielt und auch direkt eine Überleitung dazu bietet, hätte
dieses Prädikat eher verdient.
Im Anhang findet sich neben einer Auflistung bekannter
Präsidenten der Föderation das bei Cross Cult bereits obligatorische Bonusmate
rial
in Form von eines Essays von Julian Wangler. Diesmal geht es (natürlich) um die
Regierung der Vereinten Föderation der Planeten. Der Artikel fasst noch einmal
die wichtigsten Fakten zur Föderationsregierung und der Prinzipen zusammen, auf
welchen diese aufbaut. Dazu setzt er noch ein paar Akzente in Bezug auf das
gesamte Franchise, das diese Thematik bisher bewusst nur nebulös behandelt hat.
Den Abschluss macht dann noch eine Zeitlinie, welche die verschiedenen Romane,
die in der Zeit nach der Handlung des zehnten Kinofilms „Nemesis“ spielen, in
Relation setzt.
Fazit: „Die Gesetze der Föderation“ ist alles andere als ein
Actionkracher. Hier wird mit Worten gekämpft und nicht mit Phasern. Ein Jahr im
Leben der Präsidentin der Vereinten Föderation der Planeten wird hier so gut
serviert, wie man es – angesichts des gewählten Themas – nur machen kann. Wer
Raumkämpfe, fremde Planeten in typischer „Star Trek“-Manier sucht, sollte die
Finger davon lassen. Für alle, die sich schon immer dafür interessiert haben,
wie die Vereinte Föderation der Planeten auf der politischen Ebene
funktioniert, ist der Roman ein absolutes Muss.
Star Trek. Die Gesetze der Föderation
Film/Serien-Roman
Keith R. A.
DeCandido
Cross Cult 2010
ISBN: 978-3-941248-50-2
450 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 14,00
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